Methodik

Was bedeutet sichtbares Lernen?

Lernende lernen am besten, wenn sie sehen, wo sie stehen, und wissen, wohin sie gehen. Sichtbares Lernen macht genau das möglich: Lernwege werden greifbar und Reflexion gehört ganz selbstverständlich dazu.

Blick über eine Lernlandschaft voller Möglichkeiten
Lehrperson bespricht gemeinsam den Lernfortschritt

Das Prinzip

Lernen, das Lernende selbst verstehen

John Hattie zeigt in seiner Forschung: Lernen wird dann wirksam, wenn Lernende ihren eigenen Fortschritt sehen und reflektieren können. Wenn Lehrpersonen verstehen, wo alle Lernenden stehen, können sie gezielt begleiten statt nur zu korrigieren.

Sichtbares Lernen bedeutet: Lernende wissen, was als Nächstes kommt und wie gut sie etwas schon können. Den Überblick behält nicht die Lehrperson allein. Die Lernenden behalten ihn selbst.

Forschung

Was wirksamen Unterricht ausmacht

Selbstorganisiertes Lernen liegt im Trend, und die Idee stimmt: Lernende sollen eigenständig denken und handeln. Aber reine Autonomie ohne Struktur funktioniert nicht.

Lehrperson im Kreis mit Lernenden, auf Augenhöhe
«Sich zurückzulehnen und die Lernenden machen zu lassen, ist ein Irrtum. Lehrpersonen begeistern, führen an Neues heran und stellen Herausforderungen, die Lernende allein nie suchen würden.»

Lehrpersonen, die als Aktivierer statt als reine Lernbegleiter Activator d = 0.60 vs. Facilitator d = 0.17 Hattie, J. (2012). Visible Learning for Teachers. Routledge. auftreten, erzielen dreimal so viel Wirkung. Scaffolding gehört zu den wirksamsten Strategien überhaupt. Effektstärke d = 0.82 — eine der wirksamsten Strategien überhaupt. Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. Routledge. Offene Lernräume ohne klare Struktur? Praktisch kein Effekt. Effektstärke d = 0.01 — praktisch kein messbarer Effekt. Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. Routledge.

John Hattie

sinngemäß nach Hattie (2023)

«Selbstorganisiertes Lernen ist kein Allerheilmittel. Leistungsschwächere Lernende sind nicht in der Lage, ihr Lernen ohne Anleitung eigenverantwortlich zu regeln.»

Wenn alle Lernenden sich selbst organisieren müssen, werden starke Lernende stärker und schwache Lernende fallen weiter zurück. Förderprogramme vergrößern die Unterschiede, statt sie zu verkleinern. Stamm, M. (2010). Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 32(3).

Margrit Stamm

Professorin em. für Erziehungswissenschaften, Universität Freiburg

Der Unterschied

Was Miralearn anders macht

Lernlandkarten geben Struktur: Wege, Niveaus, Ziele. Innerhalb dieser Struktur navigieren Lernende frei. Die Karte, die Lernende mit Farbstiften ausmalen, die Kritzelei am Rand, die Farbe, die eine Entscheidung zeigt: Das hat eine Kraft, die kein Bildschirm ersetzen kann. Deshalb arbeiten Lernende bei Miralearn auf Papier. Die digitale Übersicht unterstützt dich als Lehrperson.

Lernende arbeiten mit Lernlandkarten auf Papier

Themen statt Kompetenzraster

Viele SOL-Ansätze sortieren nach Kompetenzen: ein Paket zu Lesen, eins zu Schreiben, eins zu Hören. Lernlandkarten sind themenbasiert. Auf einer Karte zu «Römer» wird gelesen, geforscht, geschrieben und präsentiert. Kompetenzen fließen natürlich zusammen.

Ein Puzzleteil, nicht alles

Die Karte deckt den individualisierten Teil des Unterrichts ab. Drumherum gibt es direkte Inputs, Klassengespräche und Gruppenarbeit. Die Lehrperson bleibt Lehrperson mit vielen Rollen: Aktivierer, Coach und Inputgeber.

Voneinander und miteinander

Auf der Karte gibt es Aufgaben, die man zu zweit oder in der Gruppe bearbeitet. Lernende erklären sich gegenseitig, diskutieren und lösen Probleme gemeinsam. Lernen ist keine Einzelarbeit an Materialpaketen.

Die Geschichte dahinter

Vom Kompetenzraster zur Lernlandkarte

Vor mehr als zwölf Jahren übernahm ich als Primarlehrer eine dritte Klasse. Ich startete mit dem, was ich kannte: Wochenpläne, Werkstattunterricht, klare Strukturen. Schritt für Schritt baute ich ein System aus Kompetenzrastern, Gelingensnachweisen und Selbsteinschätzungen. Am Ende der sechsten Klasse waren die Lernenden selbstbewusst, die Eltern stolz, die Sekundarlehrpersonen beeindruckt.

Dann kam die nächste dritte Klasse. Dasselbe System, noch präziser. Doch schon in den ersten Wochen rieselte mir der Sand durch die Finger. Die Motivation sank, die Energie kippte. Das System, das meiner ersten Klasse Flügel verliehen hatte, lag wie ein zu schwerer Rucksack auf den Schultern dieser Lernenden. Und die Freude war verschwunden. Bei den Lernenden und bei mir.

Da stellte ich mir die Frage: Wie sähe ein Lernpfad aus, wenn wir ihn wirklich wie einen Pfad denken? Ich erinnerte mich an meine eigenen Wege als Kind: den Geheimpfad zur Hütte im Wald, den Umweg über den Hügel nur wegen der Aussicht. Und ich begann, die ersten Karten zu zeichnen. Straßen, Wälder, Berge, kleine Symbole für Baumhütten und Drachenhöhlen.

Es passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Die Lernenden verstanden sofort, wie die Karten funktionieren. Ohne große Erklärung. «Oh wow, ich will auch zur Baumhütte im Wald!» Ich musste nicht mehr sagen, was sie tun sollten. Die Karte sprach für sich.

Das Schönste erlebte ich in den Elterngesprächen. Die Lernenden holten ihre Karten hervor, zeigten ihren Eltern ihren Weg und erzählten, warum hier Gelb und dort Blau war. Sie erinnerten sich an Details, die Monate zurücklagen. Kein Raster, kein Arbeitsplan, keine Excel-Tabelle hätte das je geschafft. Die Karten waren nicht nur ein Werkzeug. Sie waren ein Schlüssel.

Tobias Meyer

Tobias Meyer

Primarlehrer mit mehr als zwölf Jahren Erfahrung mit Lernlandkarten, Gründer von Miralearn

Kostenlos · 2 Minuten

Fünf Stärken. Welche ist deine?

Jede Lehrperson hat eine besondere Stärke. Finde heraus, welcher Unterrichtstyp du bist und wie du damit sichtbares Lernen starten kannst.